Marcel Herrador

Kunst ist, was der Künstler tut

Das Denken in der Form des Malens ist eine gedankliche Auseinandersetzung mit immer wiederkehrenden Themen und Problemstellungen. Das Malen, das bildhafte Fassen dieses Denkens, ist dabei das eigentliche Mittel und Werkzeug des Denkens. Denken und Malen verschmelzen miteinander.

Was ungewöhnlich klingt, ist letztlich nichts anderes, als das sprachliche Ausformulieren eines Gedankens im eigenen Kopf – nur wird eben an die Stelle der Sprache das Bild gesetzt. Die gewählte Form des Denkens – Bild statt Sprache – verändert das Denken allerdings stark:

Das Denken wird geprägt durch die Mittel, in denen wir uns anderen Menschen mitteilen. Schon der Unterschied des Denkens bei Menschen, die in unterschiedlichen Sprachen aufgewachsen sind, kann sehr erheblich sein, zumal ein wichtiger Teil der Kultur über die Sprache ins Denken importiert wird. Eine fremde Sprache zu erlernen, bedeutet daher zwangsläufig auch, dem eigenen Denken neue Ausdrucksmöglichkeiten und sogar ganz neue Freiräume zu erschließen. Für mathematisches oder musikalisches Denken gilt das im Übrigen ebenso, warum also sollte das beim Malen als Ausdruck des Denkens anders sein?

Es wird behauptet, dass etwas, das sich nicht in einem schlüssigen und widerspruchsfreien Satz sprachlich fassen lässt, auch nicht sinnvoll gedacht werden könne. Das mag man glauben - oder man sammelt seine Gedanken, nimmt Farben und Leinwand zur Hand und findet heraus, warum es nicht stimmen kann. Die Entwicklung des Denkens und damit des menschlichen Geistes insgesamt ist untrennbar mit dem Zugewinn an Ausdrucksmöglichkeiten eben dieses Denkens verbunden, weshalb man hinter seinen Möglichkeiten bleibt, wenn man sich auf eine einzige Form und einen einzigen Modus des Denkens beschränkt.

Es gibt Gegenstände und Situationen, für die das sprachliche oder mathematische Denken das angemessenere Medium ist. Sprachliches Denken neigt zu Eindeutigkeit und Präzision, während bildhaftes Denken keine besondere Präzision erfordert und für Mehrdeutigkeit wie für unbewusste Wahrnehmungen offen ist. Das Malen als bildhaftes Denken öffnet einen Zugang zum verborgenen, mitunter weggesperrten Teil des Denkens und der Wahrnehmung. Wenn die Entwicklung des Denkens vom Erwerb verschiedener Ausdrucksmöglichkeiten dieses Denkens abhängt, dann ist Malen ebenso eine Grundfunktion des Geistes wie Sprechen, Musizieren, Rechnen, Träumen, Anstrengung, Konzentration, Zerstreuung oder Meditation. Käme Kunst, wie behauptet wird, tatsächlich von „Können“, dann dürften wir nichts von alldem tun, bevor wir es in jeder dieser Beschäftigungen zur Meisterschaft gebracht hätten. Auf die tatsächliche, „technische“ Qualität der Endprodukte (fertige Bilder) kommt es für dieses Kunstverständnis daher auch nicht an. „Künstlerische“ Qualität ist etwas, das sich als Nebenprodukt der Vervollkommnung im Bemühen um Erkenntnis einstellen kann – aber nicht notwendig muss, denn tatsächlich geht es bei dieser Kunst, die sich als Medium des Denkens versteht, um etwas Anderes:

Indem ich meine eigenen Bilder betrachte und interpretiere, erfahre ich etwas über die Inhalte meiner Gedanken, das ich auf keinem anderen Weg in Erfahrung bringen könnte. Ob es sich sprachlich fassen lässt, ist eine andere Frage: Wenn man es einfach sagen könnte, müsste man es wohl nicht malen. Kunst, so verstanden, ist also mit rein sprachlichen Mitteln nicht zu fassen, sondern ohne die direkte Erfahrung eigener Praxis nicht voll wahrnehmbar. Kunst  ist ein Modus des Lebens, der sich nur erschließt, in dem man erlernt, selbst in diesem Modus zu agieren. Wer es aber versteht, im Modus der Kunst zu leben, käme nicht auf die Idee, sich an rein sprachlichen Definitionen von Kunst oder eines wie auch immer gearteten Kunst-Begriffs zu versuchen.

Die Kunst vom Künstler und den Künstler von der Kunst abzuleiten, wie es der obige Leitsatz in der Form eines Zirkelschlusses tut, ist daher genau so gemeint: Als Hinweis auf die sprachlich-definitorische Unauflösbarkeit der Kunst – und als eine Einladung an jede und jeden, aus diesem Zirkel durch eigene Praxis auszubrechen.